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Der neue Trend zum Crowdsourcing

Auch wenn es in der Wahrnehmung nicht allgegenwärtig ist: Crowdsourcing beeinflusst unser tägliches Leben. Doch was ist das überhaupt?

Am Anfang stand, wie so oft, der Zufall: Der britische Naturforscher Francis Galton besuchte 1906 eine Nutztiermesse, auf der die Besucher aufgerufen waren, das Gewicht eines Ochsen zu schätzen – was knapp 800 Teilnehmer taten. Das kam Galton gerade recht: Er wollte anhand dieses Beispiels die Dummheit der Masse beweisen und wertete die Schätzungen statistisch aus. Das verblüffende Ergebnis: Der Mittelwert wich nur 0,8 Prozent vom tatsächlichen Gewicht des Rindviehs ab. Galton nannte seine Erkenntnis „Stimme des Volkes“, heute ist das Phänomen auch als „Schwarmintelligenz“ geläufig und eine der Grundlagen des Crowdsourcings. Der Begriff ist eine Wortschöpfung, die nicht von ungefähr an Outsourcing erinnert. Denn auch beim Crowdsourcing werden Tätigkeiten und Ressourcen ausgelagert, jedoch nicht an bestimmte Personen oder Unternehmen, sondern an die Crowd – die Masse.

Crowdsourcing inkognito

Verbandsarbeit: Crowdsourcing ist mittlerweile mehr als ein Modewort, zumindest ist es so relevant, dass sich 2011 ein eigener Verband gegründet hat.

Dieses Auslagern an die Masse wird freilich nicht unbedingt als Crowdsourcing erkannt. Ob das Ausdrucken der Internetbriefmarke, das Abholen und Ab­liefern von Paketen in Packstationen, Online-Banking, Bestellen von Online-Tickets oder der Einkauf bei Ikea – alles basiert auf unentgeltlicher Eigenleistung der Käufer. Als Gegenwert bekommt der Kunde Flexibilität, Unabhängigkeit und in manchen Fällen auch Komfort, wenn er beispielsweise nicht mehr aus dem Haus gehen muss, um Überweisungen zu tätigen.

Schon bei diesen Beispielen spielt der Computer eine unverzichtbare Rolle. Erst recht bei weiteren Formen des Crowdsourcings, bei denen der Mensch erst gar nicht aktiv werden muss. So gibt es mehrere wissenschaftliche Projekte, die sich der Rechenleistung privater Computer bedienen. Eines der bekanntesten, SETI@home (Search for Extra Terrestrial Intelligence), wurde 1999 von der Universität Berkeley entwickelt und analysiert Radioteleskopdaten mit Hilfe einer Software, die weltweit auf unzähligen Rechnern freiwilliger „Kapazitätsspender“ läuft. Ähnlich arbeitet  das Projekt folding@home der Stanford University, bei dem die Software das für die Bekämpfung von Krankheiten wichtige Falten von Proteinen übernimmt. Folding@home findet man sogar auf der Playstation 3 als Bestandteil der Anwendung „Life with Playstation“, denn die Konsole ist dank ihres starken Cell-Prozessors für solche freiwilligen Rechenaufgaben geradezu prädestiniert.

Web 2.0 als Motor

Weltwissen: Wikipedia ist die wohl bekannteste Crowdsourcing-Anwendung – mit dem Ziel, das Wissen der Welt allen Menschen zugänglich zu machen.

Diese Crowdsourcing-Formen benötigen bis auf die Installation der Software kein eigenes Zutun. Anders dagegen die immer zahlreicher werdenden Formen, die vor allem durch das Web 2.0 aus dem Boden schießen. Grundlage dafür ist die Vernetzung von Menschen unabhängig von ihrem Wohnort über verschiedene Plattformen – also ein Internetzugang. Der ist dank Smartphones mittlerweile noch standortunabhängiger geworden. Dadurch wird es immer einfacher, in Internet Communitys und sozialen Netzwerken mitzumischen. Doch das alleinige Posten von Statusmeldungen auf Facebook ist noch lange kein Crowdsourcing, denn es dient in der Regel keinem einheitlichen Zweck. Den haben sich dagegen zahlreiche User im Netz auf die Fahnen geschrieben, die in vielen Fällen nicht einmal kommerzieller Natur sind.

Wikipedia als Paradebeispiel

Die Arbeit von vielen an einem Projekt – dafür dürfte es wohl kein bekannteres Beispiel als Wikipedia geben. 2001 wurde das Onlinelexikon gegründet. Anfangs noch belächelt, mauserte es sich mit den Jahren zum unverzichtbaren Wissenspool. „Wiki“ ist hawaiianisch und steht für „schnell“, während „Pedia“ an die Enzyklopädie gemahnt. Die schnelle Wissensvermittlung ist ein Projekt, das von der Non-Profit-Organisation Wiki­media Foundation Inc. betrieben wird  und sich ausschließlich durch Spenden finanziert. Inhalte einstellen kann prinzipiell jeder, diese werden von der Community überprüft und gegebenenfalls angepasst, Stichwort Schwarmintelligenz. Die wurde auch hier immer wieder angezweifelt, jedoch konnten selbst bei Studien keine signifikant höheren Fehlerraten als in renommierten Enzyklopädien festgestellt werden.

Verkehrsberuhigung: Tomtom nutzt mit HD-Traffic die Daten der Fahrer, um Staus in Echtzeit anzuzeigen und möglichst zu umgehen

Fest steht auch, dass eine solch offene Form bewusste Manipulationen ermöglicht, die im Idealfall jedoch durch die Nutzer oder Mitwirkenden entlarvt werden. Daneben gibt es unzählige Wissensportale, die auf das Engagement der Crowd setzen. Sei es bei der Beantwortung aller möglicher Fragen als auch bei der Bewertung dieser Antworten. Populäre Beispiele sind "www.wer-weiss-was.de", "www.yahoo.de/clever" oder "www.gutefrage.net". Aber auch Produktbewertungen auf Amazon oder speziellen Portalen wie "www.ciao.de" oder "www.dooyoo.de" machen sich das Wissen beziehungsweise die Meinung der Masse zunutze.

Um die Masse zu mobilisieren, ist in Zeiten des Internets nicht viel Vorlauf nötig. So startete kurz nach der Atomkatastrophe in Japan die Plattform "www.geigercrowd.net", auf der Besitzer eines Geigerzählers ihre gemessenen Werte einstellen konnten.

Das populärste Beispiel zur Mobilisierung von Massen über Netzwerke dürfte jedoch der arabische Frühling sein. Via Facebook und Twitter war es möglich, sich zu organisieren und letztendlich Regime zu stürzen. Doch es lassen sich nicht nur Unruhen auslösen, sondern mitunter auch die Folgen von Unruhen beseitigen. So geschehen nach den Krawallen in England, im Sommer letzten Jahres. Der Guardian stellte eine interaktive Karte ins Netz, auf der jede verifizierte Straftat dargestellt wurde. Andere halfen bei der Identifikation von Straftätern, was diesen Seiten allerdings auch den Vorwurf der Selbstjustiz eingebracht hat. Weniger zwiespältig setzte sich die Seite www.riotcleanup.com und der dazu gehörige Twitter-Account mit den Krawallen auseinander: Sie rief die Bürger dazu auf, mit Besen bewaffnet die Straßen zu säubern.

Wertschöpfung der Masse Spielen für die Wissenschaft: Unter www.fold.it lässt sich ein Spiel zum Falten von Proteinen herunterladen, das bei der Forschung hilft.

Neben den unkommerziellen Möglichkeiten wächst auch der wirtschaftliche Aspekt des Crowdsourcings. Die Möglichkeit, mittels Crowdsourcing Geld zu verdienen, für sich zu werben oder Geld zu sparen, ist nicht lange unbemerkt geblieben. Gerade Marketingaktionen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Nicht selten heißt die Plattform dazu Facebook. Dort ermuntern Firmen die Nutzer, sich einzubringen – beispielsweise das Versandhaus Otto.

Die Nutzer konnten entscheiden, wie das Gesicht der Facebook-Seite aussehen sollte. Gewonnen hat „Brigitte“, ein Koblenzer BWL-Student. Otto reagierte souverän und lud ihn zum Fotoshooting nach Hamburg ein. Derartige Risiken müssen Unternehmen einplanen, denn die Masse ist nicht berechenbar und mitunter können solche Maßnahmen auch einen negativen Effekt haben. So geschehen bei einer Aktion von Pril, die ein Flaschenetikett gestalten ließ. Als nach einer Weile eher abseitige Entwürfe wie ein hingekritzeltes Hähnchen samt Claim „Schmeckt lecker nach Hähnchen“ auf den vorderen Plätzen landete, änderte man die Wettbewerbs­regeln, was natürlich den Unmut der Internetgemeinde auf sich zog. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist die Suche nach dem Namen eines Tunnels in Schwäbisch Gmünd. Auch hier ruderte man zurück, als eine Mehrheit für den „Bud-Spencer-Tunnel“ votierte.

Die Firma Tomtom nutzt die Crowd, um Staus möglichst früh und effektiv zu detektieren. Dazu werden die Fahrdaten der Navigationsgeräte an einen Server gesendet und dort ausgewertet. So lassen sich Staus in Echtzeit erkennen und als Warnung an die entsprechenden Endgeräte ausgeben.

Sitzt, passt und sieht gut aus: Threadless verkauft nicht nur T-Shirts, sondern lässt sie auch von der Community entwerfen.

Doch oftmals geht es nicht nur um Informationen, sondern um konkrete Produkte, die von der Masse entwickelt werden. Auf "www.threadless.com" kann sich jeder als T-Shirt-Designer versuchen. Bekommt der Entwurf ge­nügend Stimmen, wird das Shirt produziert und ist im Onlineshop zu kaufen. Wer ein Produkt von Anfang an entwickeln will, kann dies auf "www.unseraller.de" tun. Die Webseite stellt diverse Projekte von verschiedenen Herstellern zur Auswahl. So entstand beispielsweise das Winterduschbad der DM-Drogerie. Von der Namensgebung über den Duft bis hin zum Etikett waren die Nutzer beteiligt. Die dafür ausgelobte Prämie steht in den jeweiligen Projektbeschreibungen. Im Falle des Duschbades bekam der fleißigste User 1000 Exemplare. Es gibt aber auch Beteiligungen an den Verkaufsgewinnen.

Ganz klar ums Geld geht es bei "www.clickworker.com". Hier können Unternehmen Aufträge einstellen, beispielsweise in den Bereichen Texterstellung, Übersetzung oder Kategorisierung, die dann von registrierten Clickworkern ausgeführt werden.

Dass Crowdsourcing ein durchaus zukunftsträchtiger Wirtschaftsfaktor ist, zeigt sich auch am im November letzten Jahres gegründeten Deutschen Crowdsourcing Verband e. V. (www.crowdsourcingverband.de). Er sieht sich als Interessensvertretung und Aufklärungsorgan rund um das Thema. Vorstandsvorsitzende Claudia Pelzer ist zudem Grün­derin des Crowdsourcing Blogs (www.crowdsourcingblog.de).

Quelle: Connect

 

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